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B2B-Vertrieb: Quo Vadis?

Warum die Digitalisierung den Verkäufer nicht ersetzt, sondern entlarvt.


Vor zwanzig Jahren bestand die Macht eines guten Verkäufers aus einem Vorsprung an Wissen. Er kannte die Produkte, die Preise, die Liefertermine, die Konkurrenz. Der Kunde rief an, weil der Verkäufer Informationen hatte, die anderswo nicht zu bekommen waren.


Dieses Wissen war Währung.

Und Beziehung war oft nur die Verpackung, in der diese Währung geliefert wurde.


Diese Welt ist vorbei. Und das Interessante daran ist nicht, dass Technologie den Verkäufer bedroht. Das Interessante ist, was sie sichtbar macht.


Vier von fünf Aufgaben wandern zur Maschine


Sieht man sich an, was Vertrieb eigentlich tut, lässt sich die Arbeit in fünf Tätigkeiten zerlegen: Information, Bedarfserhebung, Preisgestaltung, Bestellabwicklung und Beziehung.


Jede dieser Aufgaben hat in den letzten Jahrzehnten denselben Weg genommen – von der Broschüre zur Website, vom Musterkoffer zur Online-Recherche, von der Preisliste zum Vergleichsportal, vom Bestellformular zum EDI-Datenstrom.


Wandel der Vertriebstätigkeiten

Was heute beginnt, ist nur die Fortsetzung dieser Bewegung mit größerer Geschwindigkeit. Ein KI-Assistent beantwortet Produktfragen sofort und personalisiert. Algorithmen analysieren Bedarfe und schlagen Cross- und Up-Sells vor, bevor der Kunde sie selbst formuliert hat. Preise werden dynamisch und individuell berechnet. Bestellungen werden von Systemen ausgelöst. Vier der fünf Tätigkeiten lassen sich – früher oder später – digitalisieren. Sie werden aus Kundensicht schneller, billiger und in vielen Fällen besser, wenn eine Maschine sie übernimmt.


Bleibt eine: die Beziehung.

Und genau hier wird es unbequem.



Die Beziehung war immer der Kernpunkt. Nun scheint sie das Einzige zu sein, was dem Verkäufer noch bleibt.


Die bequeme Erzählung lautet: „People buy from people." Beziehung und Vertrauen seien das zutiefst Menschliche, das keine Maschine ersetzen könne, also sei der Verkäufer sicher. Das stimmt. Und führt trotzdem in die Irre, weil es klingt, als bliebe alles beim Alten.


Tatsächlich verändert die Digitalisierung die Beziehung fundamental, gerade indem sie sie verschont. Solange der Verkäufer Produktwissen, Preisauskünfte und Auftragsabwicklung als Wert anbieten konnte, musste die Beziehung selbst nie ganz tragfähig sein.


Ein durchschnittlicher Verkäufer konnte sich hinter seiner Nützlichkeit verstecken. Man kaufte bei ihm, weil er den Katalog kannte, den Liefertermin organisierte, einen guten Preis rechnete. Nimmt die Maschine ihm diese Aufgaben ab, verschwindet das Versteck.


Übrig bleibt die nackte Frage:

Bringt der Verkäufer im direkten Kontakt etwas, das die Maschine nicht bringt?

Urteilsvermögen in einer mehrdeutigen Lage. Mut, dem Kunden vom Kauf abzuraten. Das Gespür dafür, was hinter der ausgesprochenen Anforderung als eigentliches Problem steckt. Vertrauen, das aus geteiltem Risiko über Jahre gewachsen ist.


Technologie ersetzt den Verkäufer also nicht. Sie entlarvt ihn. Wer Beziehung nur behauptet hat, steht plötzlich ohne Funktion da. Wer Beziehung wirklich kann, wird wertvoller als je zuvor. Weil sie nun das Einzige ist, was er anbietet, und zugleich das Einzige, was knapp bleibt.


Die Messlatte steigt


Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit für jeden, der im Vertrieb arbeitet: Der Job wird nicht leichter, weil die lästige Routine wegfällt. Er wird schwerer.


Studien zeigen seit Jahren, dass B2B-Käufer einen Großteil ihrer Kaufentscheidung treffen, bevor sie überhaupt mit dem Vertrieb sprechen. Der Kunde, der heute zum Termin erscheint, ist informierter, als der Verkäufer es früher war. Er hat recherchiert, verglichen, Bewertungen gelesen. Er braucht keine Produktvorstellung – er hat sie schon hinter sich. Was er sucht, ist etwas, das er allein nicht hinbekommen hat: Einordnung, Entscheidung unter Unsicherheit, jemanden, der mit ihm zusammen die Verantwortung für eine richtige Wahl trägt.


Ein Verkäufer, der in dieses Gespräch geht und doch wieder beim Produktdatenblatt landet, hat verloren. Nicht gegen die KI – die hätte das Datenblatt schneller geliefert. Sondern gegen die Erwartung des Kunden, der mit einem Menschen gesprochen hat, um genau das nicht zu bekommen.


Beziehung ist nicht Mittagessen. Sie ist Entscheidungshilfe.


Hier lauert das größte Missverständnis dieser ganzen Debatte. Wenn vom „Menschen, der bleibt" die Rede ist, denken viele reflexhaft an das gemeinsame Mittagessen, den Kaffee, das Abendessen mit dem Kunden – an die Pflege persönlicher Sympathie. Das gehört dazu, ist aber nicht der Kern. Ein freundliches Mittagessen rechtfertigt keinen Vertriebsjob mehr, wenn die Maschine alles Inhaltliche schneller und besser liefert. Beziehung, die trägt, entsteht nicht über Geselligkeit, sondern über etwas Anspruchsvolleres: dem Kunden zu helfen, eine fundierte Entscheidung zu treffen.


Genau das ist der Punkt, an dem die österreichische Vertriebsexpertin Livia Rainsberger mit ihrem ENABLE-Ansatz ansetzt. Um zu sehen, was daran neu ist, lohnt ein Blick auf die Entwicklung der Vertriebsansätze. Am Anfang stand der reine Produktvertrieb: Der Verkäufer besaß die Informationshoheit über das Produkt. Dann kam der beratende Vertrieb, in dem er als vertrauenswürdiger Berater den Bedarf des Kunden erhob und das Passende empfahl.


Der Lösungsvertrieb ging einen Schritt weiter und formte aus dem Problem eine maßgeschneiderte Lösung. Das Value Selling schließlich machte den wirtschaftlichen Mehrwert dieser Lösung rechenbar. Vier Generationen von Ansätzen – und alle vier ruhen auf demselben Fundament: einem Wissensvorsprung des Verkäufers. Und alle vier eint noch etwas anderes: Sie verkaufen.


Genau das ist heute das Problem. Der moderne Kunde recherchiert, vergleicht und bildet sich seine Meinung weitgehend selbst – der Wissensvorsprung des Verkäufers ist dahin, und verkaufen lassen will er sich ohnehin nicht mehr. Wer ihn noch erreichen will, darf nicht verkaufen wollen, sondern muss befähigen. ENABLE dreht die Logik um: Im Mittelpunkt steht nicht der Abschluss, sondern die Begleitung des Kunden auf seinem Weg zur richtigen Entscheidung.


Das ist mehr als geschickte Bedarfsanalyse. Der Verkäufer im ENABLE-Verständnis präsentiert nicht nur die eigene Lösung, sondern weist den Kunden aktiv auf Denkfehler und falsche Annahmen hin – auch dann, wenn das gegen den schnellen Abschluss spricht. Die Entscheidung wird gemeinsam getroffen; der Vertriebsmitarbeiter wird zum Begleiter, nicht zum Anpreiser. Das verlangt Branchenkenntnis, Urteilsvermögen und die Bereitschaft, dem Kunden auch einmal von etwas abzuraten – also genau jene Qualitäten, die kein Algorithmus mitbringt und die sich nicht in eine Produktbeschreibung gießen lassen.


Damit bekommt der menschliche Quadrant seine eigentliche Bestimmung. Er heißt nicht „nett sein", er heißt „den Kunden klüger entscheiden lassen, als er es allein könnte". Das ist die Rolle, die bleibt – und der Grund, warum sie schwerer wird statt leichter.



Der strategische Denkfehler in Unternehmen


Für Vertriebsorganisationen liegt hier eine Falle, die teuer wird, wenn man sie übersieht. Die meisten werden Digitalisierung zunächst als Kostenhebel betrachten – verständlich, denn der unmittelbare Effekt ist Effizienz: weniger Zeit für Routine, mehr Abschlüsse pro Kopf, schlankere Teams.


Wer dabei stehen bleibt, höhlt aber genau jene Fähigkeit aus, die nach der Digitalisierung der einzige verbleibende Wettbewerbsvorteil ist. Beziehungskompetenz entsteht nicht im Trainingsraum an einem Nachmittag. Sie wächst über Jahre, in echten Gesprächen, an realen Kundensituationen, durch Verkäufer, die genug Zeit und Rückendeckung haben, um über die Transaktion hinaus zu denken. Wenn die KI die Effizienz liefert, sollte der gewonnene Freiraum in Beziehung investiert werden – nicht eingespart. Sonst optimiert ein Unternehmen sich exakt in die Austauschbarkeit, der es entkommen wollte.


Das eigentliche Zielbild ist deshalb keine Entweder-oder-Frage. Es ist eine Arbeitsteilung: Die Maschine übernimmt, was skalierbar, datengetrieben und wiederholbar ist. Der Mensch übernimmt, was Urteil, Vertrauen und Verantwortung verlangt. Effizienz und Beziehung sind keine Gegner, sondern die beiden Hälften eines Vertriebs, der beides ernst nimmt.


Was jetzt zu tun ist

Drei Konsequenzen ergeben sich, wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt.


Erstens lohnt sich die ehrliche Frage, welcher Anteil der heutigen Vertriebsarbeit eigentlich Beziehung ist – und welcher nur Routine, die sich als Beziehung tarnt. Was eine Maschine morgen erledigt, war nie der eigentliche Wert. Diese Trennlinie früh zu ziehen, ist weniger schmerzhaft, als sie später vom Markt gezogen zu bekommen.


Zweitens verschiebt sich das Profil des Verkäufers. Gefragt ist weniger der wandelnde Produktkatalog, mehr der vertrauenswürdige Ratgeber, der mit Mehrdeutigkeit, schwierigen Entscheidungen und langfristigen Kundenbeziehungen umgehen kann. Recruiting und Weiterbildung müssen dieser Verschiebung folgen, nicht dem Profil von gestern.


Drittens wird Technologie zur Voraussetzung, nicht zum Differenzierungsmerkmal. KI im Vertrieb einzusetzen wird so selbstverständlich wie heute ein CRM. Der Unterschied entsteht nicht dadurch, dass man sie hat, sondern dadurch, was die Menschen mit der gewonnenen Zeit tun.


Quo Vadis

Die Frage im Titel klingt, als ginge es um eine ungewisse Zukunft. Tatsächlich ist die Richtung längst entschieden: Routine wird automatisiert, und zwar vollständig. Offen ist nur, was der Mensch im Vertrieb mit dem Raum anfängt, der dadurch frei wird.


Die Maschine wird verkaufen können – schneller, günstiger, rund um die Uhr. Was sie nicht kann: einen Kunden in dem Moment begleiten, in dem er unter Unsicherheit eine folgenreiche Entscheidung treffen muss, und ihn dabei klüger machen, als er allein wäre. Genau dort, im letzten verbleibenden menschlichen Quadranten, entscheidet sich künftig, wer im Vertrieb gebraucht wird und wer nicht.


Der Händedruck überlebt. Aber er steht nicht mehr für ein nettes Mittagessen, sondern für eine bessere Entscheidung – und er kann sich hinter nichts mehr verstecken.


Das Paradoxe: Ja, der Vertriebsjob wird schwieriger. Und zugleich wird er leichter, denn Technologie, speziell Künstliche Intelligenz, unterstützt den Verkäufer maßgeblich in seiner neuen Rolle.



Der moderne Kunde - das PHANTOM, Livia Rainsberger

Mehr zum ENABLE-Ansatz können Sie im Buch Der moderne Kunde - das PHANTOM nachlesen.


Bei Interesse an einer Keynote oder einem Training zum Thema Wandel im Vertrieb, senden Sie eine Anfrage direkt an Livia Rainsberger.

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